REVIEW · 2022-11-08

A Little to the Left

Ordnung finden im Chaos: ein Aufräum-Rätsel auf der Suche nach der „richtigen“ Anordnung

Steam-Seite ↗

Einleitung

Man greift herumliegende Alltagsgegenstände auf dem Esstisch oder in Schubladen und legt sie ab. Der Reihe nach nach Größe, in einer Farbfolge, nach passender Anzahl — man entdeckt die verborgene Ordnung der Dinge, und sobald die Anordnung stimmt, ist es gelöst. Ein ruhiges Aufräumrätsel, bei dem hin und wieder eine Katze die Ordnung durcheinanderbringt. Entwickelt wurde es im November 2022 von Max Inferno und veröffentlicht von Secret Mode.

Ich schreibe diesen Artikel auf Grundlage der Nutzerrezensionen, die sich auf Steam angesammelt haben. Das Label lautet „Sehr positiv“: 92 % von 9.496 englischsprachigen Rezensionen sind positiv, über alle Sprachen hinweg sind es 15.691 (Stand 2026-07-03). The Guardian und NME vergeben je 4 von 5 Punkten, Metacritic steht bei 75. Betrachtet man nur die Zahlen, wirkt das Spiel weniger wie ein Werk mit geteilten Meinungen als wie fast einhelliges Lob.

Doch auch innerhalb dieser hohen Zustimmungsrate von 92 % gibt es einen wiederkehrenden kleinen Unmut. Interessanterweise steht diese Kritik direkt der Aussage entgegen, die der Entwickler selbst im Store-Text plakatiert: „Intuitives und befriedigendes Rätseldesign durch mehrere Lösungswege.“ Dieser Artikel liest die Rezensionen entlang genau dieser Kluft zwischen Anspruch und tatsächlichem Spielgefühl.

Screenshot von A Little to the LeftA Little to the Left (Steam-Screenshot)

Erster Eindruck

Vergleicht man die hilfreichsten mit den aktuellsten Rezensionen, bleibt das Vokabular der positiven Seite fast unverändert: satisfying (befriedigend), relaxing (entspannend), cozy (gemütlich), und „ich konnte nicht aufhören“. Besonders häufig werden die handgezeichnete Optik und das kleine Geräusch genannt, wenn ein Gegenstand an seinem Platz einrastet.

Auffällig ist, wie häufig Rezensent:innen, die sich selbst als ADHS oder autistisch beschreiben, schreiben, dies sei „ein Spiel wie für mich gemacht“. Ein Satz wie „für Leute, die um drei Uhr nachts anfangen aufzuräumen“ steht sinnbildlich dafür: Das Spiel verwandelt genau diesen Aufräumdrang selbst in Spielgeschehen. Diese Worte des Wiedererkennens gehen über bloßes Lob hinaus.

Auf der anderen Seite wiederholen sich bei zurückhaltenden Empfehlungen und negativen Stimmen dieselben Punkte: short (kurz), „im Sale kaufen“, sowie „die Hälfte der Erfolge steckt hinter DLC“ und „für 100 % muss man 100 Tage am Stück die Daily Tidy spielen“. Die Kritik richtet sich nicht gegen die Rätsel selbst, sondern konzentriert sich auf Umfang und Erfolgsdesign — genau hier liegt der Schwerpunkt der negativen Stimmen.

Screenshot von A Little to the LeftOrdnung auf einem unordentlichen Schreibtisch schaffen (Steam-Screenshot)

Die Mechanik in Worten

Der Kern dessen, was die positiven Stimmen immer wieder „intuitive“ (intuitiv) nennen, liegt darin, dass das Verb auf eines reduziert ist. Einen Gegenstand aufnehmen, ihn ablegen. Mehr nicht. In Puzzlebyrinth-Terminologie ist das Handlungsverb auf ein einziges „anordnen“ verengt, während das gesamte Denken auf einen anderen Punkt gesetzt wird: die Beobachtungsauflösung.

Das Spiel nennt die Lösung nie beim Namen. Die Aufgabe der Spieler:in besteht darin, die Regel zu „finden“, die im Verborgenen zwischen den Gegenständen liegt — der Reihe nach nach Größe, in einer Farbfolge, nach passender Anzahl. Es ist dieselbe Struktur, mit der The Witness verlangt, das Spielfeld erst zu „betrachten“, bevor man eine Linie zieht — hier übertragen auf einen Haufen Alltagsgegenstände. Das Verb ist minimal, die Beobachtung maximal: Das ist die Grammatik dieses Spiels.

Auch wenn es ebenfalls ums „Anordnen von Gegenständen“ geht, war Unpacking eine räumliche Erzählung darüber, „was man in dieses Zuhause stellt“, während A Little to the Left ein Sortierrätsel ist, das fragt, „welche Ordnung diese Gegenstände verbergen“. Wenn Rezensent:innen von satisfying sprechen, lese ich das nicht als Freude am „Erschaffen“ einer Anordnung, sondern als jenes kleine Klicken, wenn man eine bereits vorhandene, verborgene Ordnung „findet“.

Screenshot von A Little to the LeftVerborgene Ordnung finden und anordnen (Steam-Screenshot)

Gestalterische Kniffe

Als gestalterischen Kniff loben die hilfreichsten Rezensionen konkret das wortlose Hinweissystem und die Möglichkeit „Let It Be“ (dieses Level einfach so lassen). Hinweise werden stufenweise in Bildform gezeigt, und die Spieler:in entscheidet selbst, wie viel davon sie sehen möchte. Wer feststeckt, wird nicht bestraft; wer überspringt, wird nicht gerügt. Die Lernkurve liegt in der Hand der spielenden Person.

Der Entwickler stellt „intuitives Design durch mehrere Lösungswege“ heraus, und tatsächlich gibt es Level mit mehreren richtigen Anordnungen. Für die positive Seite wirkt das wie eine Erlaubnis, „frei aufräumen zu dürfen“, und wird so zur Quelle der Entspannung. Ein auf ein Verb reduziertes Spiel, das mehrere Ausgänge zulässt — theoretisch eine elegante Designentscheidung.

Wie weit dieses Versprechen der „mehreren Lösungswege“ aber tatsächlich spürbar wird, ist zugleich, wie der nächste Abschnitt zeigt, der Punkt, an dem sich die Meinungen in den Rezensionen am stärksten spalten. Zwischen der Designabsicht und dem Gefühl am Schreibtisch verläuft ein schmaler Graben.

Screenshot von A Little to the LeftDie tägliche Daily Tidy (Steam-Screenshot)

Das Gefühl des Schwierigkeitsgrads

Im Durchschnitt ist der Schwierigkeitsgrad niedrig. Wie viele Rezensent:innen schreiben — relaxing, im eigenen Tempo spielbar —, lassen sich die meisten Level angenehm in Sekunden bis wenigen Minuten lösen. Das Problem liegt nicht im Durchschnitt, sondern in den Ausreißern: gelegentlich mischt sich ein Level darunter, dessen Lösung auf einen einzigen engen Punkt zuläuft, und dort ändert sich das Spielgefühl schlagartig.

Was viele Nutzer:innen als „entspannend“ bezeichnen, beurteilte das Fachmedium Siliconera als möglicherweise „obtuse“ (schwer nachvollziehbar). Da das Ziel nicht ausdrücklich benannt wird und selbst die Hinweise nur wortlose Bilder sind, hat man an schwierigen Stellen das Gefühl, nach der „einen unklaren Lösung“ zu suchen — nicht so frei, wie es das Werbeversprechen der „mehreren Lösungswege“ nahelegt.

Meiner Einschätzung nach ist das kein Problem der „Menge“ an Schwierigkeit, sondern der „Art“. Bei den meisten Levels genügt eine etwas höhere Beobachtungsauflösung, damit sich die Ordnung zeigt. Doch manche Level verlangen, nachdem man die Ordnung gefunden hat, zusätzlich eine nahezu millimetergenaue Platzierung. Die Klage „ich habe es an die richtige Stelle gelegt, aber es zählt nicht, weil es nicht exakt passt“ bezeichnet genau den Moment, in dem sich die Grammatik still vom sortierenden Denken zur ausrichtenden Fleißarbeit verschiebt. Die Reichweite, die der Entwickler mit „mehreren Lösungswegen“ eröffnet hat, verengt sich bei diesen Ausreißern wieder auf einen einzigen Punkt. Genau in diesem Gefälle, so lese ich es, liegt der Ursprung der geteilten Meinungen.

Screenshot von A Little to the LeftDas Archiv der saisonalen Level (Steam-Screenshot)

Herangezogene Rezensionen

Dieser Artikel entstand auf Grundlage der Nutzerrezensionen der Steam-Store-Seite mit Stand 2026-07-03. Rezensionstexte werden nicht direkt zitiert; typische Aussagen wurden rekonstruiert.

· Steam: A Little to the Left (Sehr positiv / Very Positive, 92 % von 9.496 englischsprachigen Rezensionen positiv, 15.691 über alle Sprachen)

· Positive und negative Rezensionen jeweils nach „hilfreich“ und „aktuell“ sortiert per WebFetch gelesen, einschließlich Unmut über Daily- und DLC-Erfolge sowie Preis-Hinweisen wie „im Sale kaufen“

· (Fachmedien) Siliconera-Rezension sowie die Wertungen von The Guardian (4/5), NME (4/5) und Metacritic (75) herangezogen

Fazit

Das Gesamturteil auf Steam liegt bei 92 % positiv. Meine Wertung als Designkritik beträgt 8,0. Das zentrale Verb „beobachten und anordnen“ ist klar, und die nachsichtige Lernkurve aus wortlosen Hinweisen und „Let It Be“ darf als Vorbild für diese Art von entspannendem Rätselspiel gelten. Punktabzug gibt es für die Kluft zwischen Absicht und Spielgefühl: Die im Werbetext versprochene „Freiheit durch mehrere Lösungswege“ schrumpft an den schwierigen Stellen oft zu einer „exakten Ausrichtung auf einen einzigen Punkt“.

Der Unterschied zwischen den 92 % und meinen 8,0 Punkten misst wohl zwei verschiedene Dinge. Die meisten Rezensent:innen bewerten, „ob es sich gut angefühlt hat“, während ich betrachte, „ob das Design bis zum Ende seine Linie durchgehalten hat“. Der Einfall, den Aufräumimpuls selbst zum Spiel zu machen, und die ruhige Welt mit ihrer Katze sind echt. Wer die Freude daran sucht, Ordnung im Chaos zu finden, dem sei dieses Spiel ausdrücklich empfohlen; wer das klare Erfolgserlebnis an einer harten Stelle sucht, liegt außerhalb seiner Reichweite — und genau das sagen die geteilten Meinungen selbst ganz ehrlich.

Screenshot von A Little to the LeftA Little to the Left (Steam-Screenshot)

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