SOUNDTRACK · 2026-06-09
Der Soundtrack von Unpacking — Töne, die wissen, wann sie schweigen sollen
Jeff van Dyck
Einleitung — Musik, die noch vor dem ersten Karton erklingt
Eine neue Wohnung, gestapelte Kartons, der erste, den man öffnet. In dem Puzzle „Besitztümer erzählen ein Leben", das Komugis Kritik behandelt, erreicht die Ohren zuerst ein Chiptune mit abgerundeten Kanten. Die harten Flanken der Rechteckwelle wurden bewusst geglättet; darüber legen sich sanft Akustikgitarre und Klavier. Das Tempo liegt um die 80 BPM — langsam wie ein früher Morgen, aber ohne zu stocken. Die Musik passt sich haargenau der Geschwindigkeit der Hand an, die Gegenstände ins Regal räumt.
Der Komponist ist Jeff van Dyck. Er hat für die Total-War-Reihe einen BAFTA gewonnen und für Need for Speed II drei Schichten interaktiver Musik entworfen. Für Unpacking jedoch entschied er sich nicht für Intensität, sondern für Zurückhaltung. In einem Interview erklärt er selbst, die harten Kanten der Rechteckwellen geglättet zu haben, „um eine entspannte Atmosphäre zu bewahren". Schon in den ersten Takten wird klar, was diese Musik bezweckt: sie drängt nicht, urteilt nicht, sie ist einfach daneben.
Wie verhält sich Musik in einem Puzzle ohne Scheitern?
Unpacking kennt kein Scheitern. Kein Timer, kein Game Over bei Fehlern. Liegt ein Gegenstand falsch, leuchtet er leicht rot auf — ohne auch nur einen Fehlerton. Das ist für Puzzle-Musik eine recht ungewöhnliche Situation. Die meisten Puzzles „übersetzen" ihren Fortschritt in einen Erfolgs-Jingle oder einen Retry-Cue, aber Unpacking verzichtet darauf gänzlich.
Was tut die Partitur stattdessen? Van Dycks Antwort lautet, die Musik vom Protagonisten-Rang zu entheben. Die Musik liegt still als Schleifenhintergrund und tritt nicht nach vorne. Was stattdessen den Vordergrund einnimmt, sind die gut 14 000 Foley-Sounds, die Angela van Dyck hauptsächlich aufgenommen hat — das Klacken eines Tellers im Regal, das Schließen einer Schublade, das Reiben von Stoff. Die Musik gibt Lautstärke und Frequenzspektrum bewusst ab, um Platz für die Klänge der Gegenstände selbst zu schaffen. In einer Welt, die Scheitern nicht bestraft, fällt auch die Musik kein Urteil. Sie bestimmt lediglich die Temperatur der Luft im Raum.
Analogie zum Puzzle — das Tempo des Aufräumens und die geglätteten Rechteckwellen
Ich habe die Angewohnheit, Musik immer in BPM zu messen. Die Art, wie man Unpacking löst, ist ungefähr gleichmäßig: aus der Kiste nehmen, ausrichten, abstellen — dieser Drei-Takt ist weder gehetzt noch stockend. Ich denke, van Dycks Wahl rund um 80 BPM entspricht ungefähr demselben Puls wie die Handbewegung. Zu schnell und man will Gegenstände hastig ablegen; zu langsam und die Hand hält inne. Der Puls der Musik ist auf die Geschwindigkeit abgestimmt, bei der das Aufräumen angenehm fortlaufen kann.
Interessant ist auch die Seite des Klangtimbres. Chiptune hat von Natur aus scharfe Konturen und zieht Aufmerksamkeit auf sich. Doch van Dyck hat die Kanten abgerundet. Ein Gehirn, das ein Puzzle löst, braucht Ausdauer, keine Stimulation. Beim Nachdenken stört ein spitzer Klang die Gedanken. Die Rechteckwelle mit abgerundeten Kanten bewahrt eine Retro-Textur und löst sich dabei im Hintergrund der Reflexion auf. Nach meiner Einschätzung ist das eine Wahl, die mit einem einzigen Timbre zwei Hasen zugleich schlägt: Bindung durch Chiptune, Konzentration durch geglättete Kanten.
Empfehlenswerte Titel
Beginnen wir mit dem Thema. Ein Stück wie der Bauplan dieser Partitur — Chiptune mit abgerundeten Kanten, begleitet von Gitarre und Klavier.
Und dann das Vokalstück von Wren Brier, das das durch Subtraktion angesammelte Schweigen ein einziges Mal einlöst. Der Titel, auf dem der Schwerpunkt der Geschichte ruht.
Noch ein weiteres Stück: It's Not You ↗, das emotionale Schwankungen nur mit Instrumenten zeichnet. Alle Tracks sind offizielle Quellen, die von den Rechteinhabern für YouTube bereitgestellt wurden (Auto-generated by YouTube); das vollständige Album ist auf dem Bandcamp des Komponisten Jeff van Dyck ↗ zu hören.
Abschluss — was ich mitnehmen würde
Was ich von dieser Partitur mitnehme, ist der Mut zum Weichen. In einer Erfahrung ohne Scheitern und ohne Timer klingt die Welt umso falscher, je mehr sich die Musik anstrengt. Van Dyck hat Lautstärke und Frequenzspektrum den Gegenstandsklängen überlassen und seine eigene Melodie in den Hintergrund gezogen. Beim Komponieren habe ich die Tendenz, alles füllen zu wollen. Aber was man nicht klingen lässt, ist ebenso sehr Ausdruck wie was man klingen lässt — Unpacking beweist das mit 14 000 Foley-Sounds.
Ein weiterer Punkt: das Abrunden der Kanten. Die Anhänglichkeit des Chiptunes bewahren und nur die Schärfe entfernen, damit das Denken nicht gestört wird. Wenn ich Musik für eine konzentrierte Arbeit schreibe, will ich die Klangtextur behalten, aber die stechenden Anteile herausnehmen. Dieses Maß ist nachahmenswert. Zum Wiederhören eignet sich ein Nachmittag beim Umzug oder beim Aufräumen. Im Unterschied zu COCOON, das dank prozeduraler Generierung auch nach stundenlangem Hören nicht zur Tapete wird, ist Unpacking eine Musik, die durch Zurückhaltung daneben bleibt.
Quellenangaben
・Steam: Unpacking offizieller OST ・Jeff van Dyck (Komponist) Bandcamp — Unpacking (Original Soundtrack) ・Offizielle Website Jeff van Dyck — Unpacking (2021) ・Kitty on Fire Records — Interview mit Jeff van Dyck (Grund für das Abrunden der Rechteckwellen) ・A Sound Effect — Sound Design von Unpacking (ca. 14 000 Foley-Sounds, Angela van Dyck)
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