REVIEW · 2019-03-28

Unheard – Voices of Crime

Wie 33.811 Rezensionen eine Subtraktion beurteilten: keine Untertitel

Steam-Seite ↗

Erste Eindrücke

Unheard erschien am 28. März 2019 als Audio-Deduktionsabenteuer. Entwickelt von NExT Studios, veröffentlicht von NExT Studios zusammen mit 505 Games. Man wird zur Testperson eines Geräts, das die Aufnahme eines Tattages abspielt, bewegt sich über den Grundriss eines Gebäudes von Raum zu Raum und hört jeweils nur, was in dem Raum ankommt, in dem man gerade steht. Das Hauptspiel besteht aus fünf Fällen, dazu kommen separate kostenlose und kostenpflichtige Zusatzfälle.

Der Stand vom 12.08.2026 zählt 33.811 Rezensionen in allen Sprachen, davon 32.456 positiv und 1.355 negativ – 96 %, Bewertungslabel „Äußerst positiv“. Nach Sprache aufgeschlüsselt sieht das Bild anders aus: Die 26.783 vereinfacht-chinesischen Rezensionen tragen das Gesamtbild mit „Äußerst positiv“, die 2.798 englischsprachigen liegen bei 91 % („Sehr positiv“). Die letzten 30 Tage kommen über alle Sprachen auf 91 % bei 326 Rezensionen. Metacritic zeigt einen Wert von 72.

Rund acht von zehn Rezensionen sind also chinesischsprachig – eine ziemlich schiefe Verteilung. Sortiert man die englischsprachigen negativen Rezensionen nach Hilfreichigkeit, dreht sich die Spitze fast ausschließlich um ein Thema: keine Untertitel. An zweiter Stelle folgt die englische Sprachausgabe. Die 96 % wirken ruhig, das, was darunterliegt, ist es nicht. Dieser schiefen Verteilung geht der Artikel diesmal mit nach.

Unheard – Voices of Crime – Screenshot: eine gegenlichtige, gesichtslose Frau sitzt an einem Tisch in einem dunklen RaumUnter einer Hängelampe sitzt eine im Gegenlicht gesichtslose Frau mit gefalteten Händen. Auf dem Tisch im Vordergrund liegt ein Tablet, rechts steht ein Aschenbecher, dahinter eine Stahltür mit vergittertem Fenster (Steam-Screenshot)

Die Mechanik in Worte gefasst

Was die hilfreichsten positiven Rezensionen übereinstimmend hervorheben, ist die Schlichtheit des Geräts. Eine schreibt, das sei vielleicht der reinste Detektiv-Simulator, den man je gespielt habe – keine Hinweise, keine Marker, keine automatisch zusammengesetzten Schlussfolgerungen, nur man selbst und das rohe Beweismaterial. Eine andere nennt es „ein Traum für alle, die gerne heimlich mithören“. Auffällig ist, wie wenig Zeilen jede Rezension auf die Erklärung der Steuerung verwendet.

Übersetzt in das Vokabular dieser Seite hat das Spiel nur zwei Verben: in einen Raum gehen, die Zeit bewegen. Kein Inventar, kein Untersuchen, keine Dialogauswahl. Entscheidend ist, dass die Einheit der Beobachtungsauflösung fest an „den Raum“ gebunden ist. Läuft man dieselbe Aufnahme mehrfach von unterschiedlichen Positionen aus ab, ändert sich nur, was hörbar ist. Die Idee, die Zeit zum Verb zu machen, ist dieselbe wie bei Tacoma, nur dass man dort frei durch die Szene laufen kann, während Unheard Information auf einem groben Raster aus Räumen zerschneidet.

Die negative Seite nennt dieselbe Struktur anders: „Weniger Detektivspiel, mehr Rückspul-Simulator.“ Eine lange Rezension argumentiert, dass der Suchraum – Räume multipliziert mit der Zeitachse – groß ist, während die Informationsdichte darin gering bleibt, sodass man sehr lange Szenen abspielt, um sehr wenig zu lernen. Reduziert man die Verben auf zwei, bleibt bei einem dünnen Spielbrett nur noch Laufarbeit übrig. Der Nebeneffekt der Subtraktion wird hier direkt als Kritikpunkt formuliert.

Unheard – Voices of Crime – Screenshot: ein Grundriss mit einem beleuchteten Raum und einer Abspielleiste am unteren RandEin Grundriss im Stil eines Blaupausenplans, ein einzelner Raum darin hell erleuchtet mit einer Tonwellen-Markierung. Die Abspielleiste unten zeigt Rückspul- und Vorspultasten sowie 00:11 / 03:05, oben rechts eine Namensliste, unten rechts ein Fragefeld (Steam-Screenshot)

Design der Subtraktion

Die am höchsten bewertete englischsprachige negative Rezension (237 Stimmen) handelt von den Untertiteln. Die Autorin ist nicht gehörlos, hat aber erhebliche Schwierigkeiten, Wörter zu verstehen, und kann Filmdialoge ohne Untertitel nicht folgen. Im zweiten Fall entgeht ihr eine wichtige Information im Hintergrundgeräusch, im dritten Fall lässt eine Explosion ihre Ohren klingeln. Ihr Fazit: das anstrengendste Spiel, das sie je gespielt habe. Mehrere weitere hoch platzierte Rezensionen kommen aus ähnlichen Gründen der auditiven Verarbeitung zum selben Schluss.

Eine hoch platzierte positive Rezension greift dasselbe Thema auf und kommt zum gegenteiligen Ergebnis. Eine nicht-englische Muttersprachlerin schreibt, Untertitel würden den Sinn des Spiels zunichtemachen – man solle hören, nicht lesen –, und fügt später eine Entschuldigung an all jene an, die durch diese Aussage mit Hörschwierigkeiten verletzt worden sein könnten. In Design-Begriffen ist das die Subtraktion eines einzelnen Elements, und der Effekt, den diese Subtraktion erzeugt, und die Zielgruppe, die sie ausschließt, liegen genau auf demselben Punkt.

Interessant ist, dass eine andere negative Rezension diese Subtraktion selbst überprüft: Kein einziger Fall verlangt, schwer verständliche Sprache zu entziffern, und da jede sprechende Figur einen Lautstärkebalken erhält, kommt es nie zu Verwirrung darüber, wer gerade spricht. Es gibt also im Grunde keine Information, die sich nur über Ton vermitteln ließe – textbasierte Information wird hier ausschließlich über Ton geliefert. Ob die Subtraktion den Kern des Werks schützt oder lediglich den Zugang verengt, bleibt innerhalb der Rezensionen unentschieden.

Unheard – Voices of Crime – Screenshot: englischer Dialog in großer dekorativer Schrift über einem verschwommenen GrundrissÜber einem abgedunkelten, verschwommenen Grundriss liegt englischer Dialog in großer, dekorativer Schrift: „I checked.“, „it's fake!“ mit dem Wort fake in Rot, darunter „Forget about the rest of your mo…“ (Steam-Screenshot)

Die Textur der Schwierigkeit

Bei der Schwierigkeit kommen Zustimmung und Ablehnung fast zur selben Diagnose. Eine positive Rezension schreibt: „Ich fand es nicht schwer, aber das hat den Spaß nicht geschmälert. Wer gründlich sucht, löst jeden Fall ohne Fehler.“ Eine lange vereinfacht-chinesische Rezension formuliert es aus der anderen Richtung: Wie viele bereits gesagt hätten, reiche die Schwierigkeit nicht, um wirklich zum Grübeln zu bringen. Lob und Kritik teilen dieselbe Beobachtung, nur das Urteil unterscheidet sich.

Die negative Seite verknüpft diese Beobachtung mit einer Design-Kritik. Eine lange Rezension teilt die Fragen von Deduktionsspielen in „Schlüssel“ und „Schlussfolgerungen“ ein und behauptet, bei Unheard handle es sich fast nur um Schlüssel: Sobald jemand einen Namen nennt, ist das Namensschild ausgefüllt, und der letzte übrig gebliebene Frauenname ergibt sich durch Ausschluss. Eine andere weist darauf hin, dass falsche Antworten nicht bestraft werden, sodass wiederholtes Raten zum Ziel führt. Das Design, die Fragenzahl niedrig zu halten, um keine kombinatorische Explosion entstehen zu lassen, lässt zugleich Raum für reines Durchprobieren.

Zugleich gibt es zahlreiche Stimmen, die den eigentlichen Schwierigkeitsgrad woanders verorten: Wann bricht man ein laufendes Gespräch ab, und in welchen Raum kehrt man zurück? Eine aktuelle positive Rezension beschreibt die Verwirrung, als die verfolgte Gruppe im selben Raum auf eine andere Gruppe trifft – genau das sei die Herausforderung, wenn auch eine, bei der man fast den Verstand verliere. Die Schwierigkeit liegt also nicht in der Schlussfolgerung, sondern in der Aufmerksamkeitsverteilung und dem Kurzzeitgedächtnis. Deshalb koexistieren „zu einfach“ und „anstrengend“ im selben Spiel.

Unheard – Voices of Crime – Screenshot: eine Namensliste mit zwölf Personen neben der Frage „Who brought the bomb?“Links außen stehen Autos im Freien, zur Mitte und nach rechts folgt eine Reihe kleiner Räume in einem breiten Grundriss. Zwei schmale, längliche Räume leuchten blau. Oben rechts listet das NAMES-Feld zwölf Personen, darunter Dwight, Kint und Jessica; unten rechts steht die Frage „Who brought the bomb?“ (Steam-Screenshot)

Stellung in der Linie

Die englischsprachigen Rezensionen stellen dieses Spiel stets neben etwas anderes: Return of the Obra Dinn, The Case of the Golden Idol, The Roottrees are Dead. Eine positive Rezension fasst es als eine Mischung aus Golden Idol und Telling Lies zusammen; eine negative schreibt, wer gerade erst Obra Dinn beendet habe, solle nicht direkt hierher wechseln. Auffällig ist, wie stark sich die Vergleiche auf Deduktionsspiele konzentrieren.

Liest man die vereinfacht-chinesischen Rezensionen nach Hilfreichigkeit sortiert, ändern sich die Nachbarn. Der meistgewünschte Punkt ist Unterstützung für den Steam Workshop, damit Spielerinnen und Spieler eigene Drehbücher schreiben und eigene Stimmen aufnehmen können – mehrere der am höchsten platzierten Rezensionen fordern genau das. Eine andere schlägt einen Koop-Modus vor, in dem jede Person einen Raum übernimmt, und stellt sich damit etwas Ähnliches wie 剧本杀 vor – das chinesische Pendant zur japanischen „Mordmysterium“-Tischrunde. Dasselbe Spiel wird auf der einen Seite in die Linie der Deduktionsspiele eingeordnet, auf der anderen als Werkzeug für eine Aufführung gelesen.

Auch die Sprachausgabe selbst wird unterschiedlich bewertet. Eine lange chinesische Rezension, die das Spiel in beiden Sprachen durchgespielt hat, schreibt, in der chinesischen Fassung habe jede Figur eine eigene stimmliche Note, die in der englischen Fassung nicht ausreichend nachgebildet werde – das Erlebnis für alle, die auf Englisch spielen, werde dadurch insgesamt geschmälert. Die englischsprachigen Klagen – überzogenes Schauspiel, wie Laientheater, Redewendungen der 1940er, die wie eine Looney-Tunes-Gangsterfigur klingen – passen genau zu diesem Befund. Chinesisch stand zuerst da, Englisch ist eine später aufgesetzte Schicht.

Unheard – Voices of Crime – Screenshot: chinesischer Dialog in großer dekorativer Schrift über einem GrundrissDieselbe Gestaltung in der chinesischen Fassung: „喂“, „我核实过了“ und „你那个是假的“ liegen in großer Schrift über einem gerundeten Grundriss, das Schriftzeichen 假 allein in Rot. Die Raumbeschriftungen lauten 刘总 und 秘书 (Steam-Screenshot)

Herangezogene Rezensionen

Dieser Artikel entstand aus der Lektüre der Steam-Nutzerrezensionen, wie sie am 12.08.2026 vorlagen.

· Steam: Unheard – Voices of Crime (32.456 von 33.811 Rezensionen in allen Sprachen positiv, 1.355 negativ, 96 %, Bewertungslabel „Äußerst positiv“; 2.798 englischsprachige bei 91 % „Sehr positiv“, 26.783 vereinfacht-chinesische, letzte 30 Tage 91 % bei 326)

· Gelesen: 10 positive und 10 negative englischsprachige Rezensionen nach aller Zeit hilfreichster Bewertung, die 10 neuesten englischsprachigen Rezensionen sowie die 10 hilfreichsten vereinfacht-chinesischen Rezensionen. Insgesamt 40 Rezensionen.

· Zahlen und Preisverlauf stammen von SteamDB und Steambase. Der Metacritic-Wert von 72 folgt der Anzeige auf der Steam-Store-Seite.

· Die Angaben zur Spielzeit stammen aus den Auswertungen von HowLongToBeat (Hauptgeschichte ca. 4 Stunden, Hauptgeschichte plus Zusatzinhalte ca. 5,5 Stunden, alle Inhalte ca. 7,5 Stunden).

Fazit

Die Zielgruppe lässt sich ziemlich klar umreißen. Wer sich daran erfreuen kann, eine Aufnahme immer wieder abzuspielen und zu erleben, wie sich der hörbare Bereich je nach Standort verändert, kommt hier auf seine Kosten. Wer dagegen die eigenen Beobachtungen als eigene Schlussfolgerung einreichen möchte, ist hier falsch – das ist die Aufgabe von Her Story und von Obra Dinn. Und für alle, die Untertitel brauchen, bleibt die Tür weiterhin verschlossen.

Der schärfste Satz der ganzen Rezensionsmenge stammt aus dem negativen Lager: Baut man ein Rätsel aus Ton, muss das Rätsel selbst vom Ton handeln – es reicht nicht, textbasierbare Information allein über Ton zu vermitteln. Nach diesem Maßstab ist Unheard als Instrument treffsicher, als Fragensammlung aber unzureichend. Die Erfindung – Information auf einem groben Raster aus Räumen zu zerschneiden – bleibt bestehen, aber die Arbeit, das Zerschnittene wieder zusammenzuführen, wurde nie fertig ausgearbeitet.

Der Overall-Wert bei Steam liegt bei 96 %, ich vergebe 7,4 Punkte. Der Grund für die Abweichung liegt nicht allein in der schiefen Verteilung der Grundgesamtheit. Der Einfall, die Verben auf zwei zu reduzieren und die Beobachtungsauflösung an ein räumliches Raster zu binden, war 2019 hinreichend eigenständig und hat bis heute wenige nahe Verwandte. Der Punktabzug betrifft die Fragenseite. Die selbst angegebenen Spielzeiten in den Rezensionen streuen zwischen etwa 3 und 8 Stunden, HowLongToBeat gibt die Hauptgeschichte mit rund 4 Stunden an. Diese Kürze ist bei diesem Design weder Vorzug noch Fehler, sondern schlicht der Punkt, an dem die Fragen früher ausgingen als die Zeit.

Unheard – Voices of Crime – Screenshot: ein gebogener Ausstellungsraum-Grundriss mit zwei Fallfragen und einer ANSWER-SchaltflächeEin rund gekrümmter, ausstellungsraumartiger Grundriss. Die zentrale Halle ist beleuchtet, zwei Figuren tragen die Namensschilder Greene und Mac. Oben rechts listet das NAMES-Feld sieben Personen; darunter stehen die Fragen „Who stole the real painting first?“ und „Who has the real painting in the end?“ mit einer ANSWER-Schaltfläche, die Abspielleiste unten zeigt 00:16 / 07:41 (Steam-Screenshot)

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