REVIEW · 2023-05-15
HUMANITY
Ein moderner Lemmings, in dem ein Shiba Inu die Menge führt — die gespaltenen Rezensionen gelesen
Erster Eindruck
HUMANITY ist ein Puzzle-Action-Spiel, dessen Veröffentlichung am 15. Mai 2023 begann. Entwickelt von tha ltd., dem Studio des Webdesigners Yugo Nakamura, gemeinsam mit Enhance; veröffentlicht von Enhance unter der Leitung von Tetsuya Mizuguchi, bekannt durch Rez und Tetris Effect. Man wird ein leuchtender Shiba Inu und legt der endlos marschierenden Menge Befehle wie „abbiegen“ oder „springen“ unter die Füße, um sie zum Ausgang zu führen. Die Hauptkampagne umfasst 90 Stufen und bietet einen Stage-Editor sowie einen optionalen VR-Modus.
Zum Stichtag 2026-08-14 steht bei Steam über alle Sprachen 469 positiv gegen 36 negativ von 505 Rezensionen, also 93 %, mit dem Label „Sehr positiv“. Metacritic zeigt für die PC-Fassung 84. Der Bereich der aktuellen Rezensionen ist jedoch weniger ruhig: Im März 2026 wurde der Online-Dienst für nutzergenerierte Stufen eingestellt, und die aktuellen negativen Rezensionen konzentrieren sich fast ausschließlich auf diesen einen Punkt. Darauf komme ich im Fazit zurück.
Liest man sich durch die hilfreichsten positiven Rezensionen, fällt das erstaunlich einheitliche Vokabular auf: „zen“, „abstract and ambient“, „consistently engaging“. Und beinahe ausnahmslos fällt der Name Lemmings. Eine Rezension schreibt, es leuchteten dieselben Areale im Gehirn wie bei Lemmings. Die Kraft des Bildes — eine minimalistische weiße Fläche, gefüllt mit einer Menge, die von einem einzigen Hund geführt wird — ist die erste gemeinsame Erfahrung.
HUMANITY — Spielszene (Steam-Screenshot)
Die Mechanik in Worte fassen
Die Erklärungen der Rezensentinnen lassen sich so zusammenfassen: Die Menge entscheidet selbst nichts, sie geht einfach immer geradeaus weiter. Was die Spielerin steuert, ist nicht der Mensch, sondern der Boden — Befehle wie „rechts abbiegen“, „springen“, „schwimmen“ werden als Kacheln gelegt. Eine ausführliche positive Rezension nennt das Ergebnis ein „lebendes Diagramm“. Der Moment der Befriedigung, wenn die Befehle fertig gesetzt sind und die Menge zu strömen beginnt, ist die unter den hilfreichsten Rezensionen am häufigsten wiederkehrende Beschreibung.
In Puzzlebyrinths Vokabular übersetzt: Dieses Spiel löst die Verben aus der Hand der Spielerin und bettet sie ins Brett ein. Alles hängt davon ab, wo man die wenigen Verben abbiegen, springen, schwimmen, schießen, klettern platziert; die Ausführung überlässt man der Menge. Während 7 Billion Humans mit Textbefehlen eine Gruppe von Arbeitern bewegt und damit das Programmieren selbst zur Oberfläche macht, macht HUMANITY den Raum selbst zum Programm. Die Beobachtungsauflösung ist nicht auf das Individuum, sondern auf den „Strom“ abgestimmt.
Auf der negativen Seite gibt es einen Einwand, den man nicht übergehen sollte: dieselbe Befehlsanordnung führe nicht jedes Mal zum gleichen Ergebnis — RNG habe in einem Puzzle nichts zu suchen. Das ist der Preis dafür, die Menge als Flüssigkeit zu simulieren, die sich gegeneinander drängt; als Design neigt das eher zum „Tiefbau, der einen ungefähr richtigen Plan aufstellt“ als zu einem „Schachproblem mit exakter Lösung“. Je danach, welches der beiden man erwartet hat, spaltet sich die Bewertung dieses Spiels schon zu Beginn.
HUMANITY — Spielszene (Steam-Screenshot)
Genealogie und Einordnung
Der Bezugspunkt ist für jeden, der es liest, Lemmings. Interessant ist, dass beide Seiten denselben Maßstab anlegen. Die positive Seite schwelgt darin, dass dieselben Areale im Gehirn leuchten wie vor 30 Jahren; eine negative Rezension nennt Steuerung und Sound und urteilt knapp, es reiche nicht an das Lemmings von 1991 heran. Ob man es als Erbe der Linie oder als Ersatz liest, entspricht unmittelbar Empfehlung oder Nicht-Empfehlung.
Meine Einschätzung: HUMANITY hat das Ressourcenmanagement verworfen, das im Zentrum von Lemmings stand — wie viele man opfert. Die Menge ist keine zählbare Ansammlung von Individuen mehr, sondern eine Flüssigkeit, die weiter nachströmt, selbst wenn man Teile davon verliert. Der Fokus der Kritik verschiebt sich entsprechend von der „Rettung“ zur „Formgebung des Stroms“. Das Bild einer weißen Menschenwelle, die sich zu einer Treppe auftürmt, wirkt fast, als sei die Menschenmenge aus dem Finale von INSIDE zur Hauptfigur des Puzzles befördert worden.
Auch das Temperaturgefälle zu den Fachmedien möchte ich festhalten. Edge lobte die Struktur, aktiv mitten im Spiel das Genre zu wechseln, Eurogamer bezeichnete den Stage-Editor als „furchteinflößend mächtig“. Die Metacritic-Wertung von 84 ist die Aggregation der Seite, die diesen Ehrgeiz fast einstimmig honoriert hat. Auf Nutzerseite dagegen wird genau dasselbe Element zum größten Streitpunkt — dazu mehr im nächsten Abschnitt.
HUMANITY — Spielszene (Steam-Screenshot)
Die Textur der Schwierigkeit
Am saubersten spaltet sich die Bewertung am Genrewechsel. Die positive Seite honoriert genau diese Veränderung: „Der Puzzle-Platformer wird zum RTS, zum Bullet-Hell, zum Stealth-Spiel. Es langweilt nie.“ Eine repräsentative negative Rezension schreibt, das erste Drittel sei bestes Logik-Puzzle gewesen, doch dann habe das Spiel abrupt das Genre gewechselt, und ergänzt, man habe „ständig mit der Kamera gekämpft“. Dieselbe Tatsache wird auf der einen Seite als Vorzug, auf der anderen als Verrat erzählt.
Genauer gelesen tauscht sich die Art der Schwierigkeit unterwegs aus. Die Schwierigkeit der ersten Hälfte ist eine Schwierigkeit der Planung — reines Denken darüber, welches Verb auf welches Feld kommt. In der zweiten Hälfte nimmt die Schwierigkeit der Ausführung zu, die Präzision der Steuerung und Echtzeit-Urteile erfordert. Statt Verben hinzuzufügen, erneuert das Design die Lernkurve, indem es gleich das ganze Genre umbaut — mutig, aber es lässt jene, die nur reines Denken suchten, unterwegs zurück. Genau daran entscheidet sich die Reichweite dieses Spiels.
Was das reine Schwierigkeitsgefühl angeht, äußert sich die positive Seite überwiegend gemäßigt — „nicht zu schwer und nicht zu leicht“, „schwer auf die gute Art“ — und Klagen über Unfairness sind selten. Die Spielzeit von Spielern, die durchgespielt haben, streut in den Rezensionen meist zwischen 13 und 24 Stunden, HowLongToBeat nennt 17 bis 20 Stunden für die Hauptkampagne. Eine Stufe ist kurz, ein erneuter Versuch schnell.
HUMANITY — Spielszene (Steam-Screenshot)
Herangezogene Rezensionen
Dieser Artikel entstand aus der Lektüre der Nutzerrezensionen auf der Steam-Store-Seite zum Stichtag 2026-08-14. Rezensionstexte werden nicht direkt zitiert; typische Aussagen werden rekonstruiert.
· Steam: HUMANITY (Sehr positiv / Very Positive, 93 % von 505 Rezensionen positiv)
· Per WebFetch gelesen: die 17 hilfreichsten positiven Rezensionen, 9 negative, die 10 aktuellsten
· (Offiziell) Enhance: Ankündigung zu nutzergenerierten Inhalten in HUMANITY. Metacritic 84 sowie die Wertungen von Edge / Eurogamer wurden über Wikipedia herangezogen
Fazit
Zum Schluss das Thema, das die aktuellen Rezensionen beherrscht. Im März 2026 wurde der Online-Dienst eingestellt, über den rund 30.000 nutzererstellte Stufen geteilt wurden. Die aktuellen negativen Rezensionen konzentrieren sich fast ausschließlich darauf: „die Hälfte des Spielwerts ist verschwunden“, „ich habe es wegen des Editors und der Teilfunktion gekauft“. Dass der Store-Text weiterhin mit dem „intuitiven Stage-Editor“ wirbt, ist eine Diskrepanz, die nicht am Design, sondern am Betrieb liegt — aber eine Tatsache, die man vor dem Kauf heute kennen sollte.
Den 93 % Gesamtwertung auf Steam stelle ich 8,5 Punkte gegenüber. Die Reinheit der ersten Hälfte und die Erfindung, Verben auf den Boden zu schreiben, verdienen zweifellos eine 9; der Genrewechsel in der zweiten Hälfte ist eine Design-Entscheidung, die geteilte Meinungen bereits einkalkuliert, und der Verlust der UGC-Funktion mindert den heutigen Produktwert nachweislich. Trotzdem bleiben die 90 Stufen der Hauptkampagne erhalten, und der Anblick, wie die Menge zum ersten Mal genau nach Plan strömt, ist eine Erfahrung, die den Preis wert ist.
Die Reichweite der Empfehlung sieht so aus: Wer Erinnerungen an Lemmings hat, wer sich für die Menge als formbares Material interessiert, wer einen Genrewechsel als Bereicherung genießen kann, dem sei es empfohlen. Wer ausschließlich reine Logikrätsel sucht, sollte einkalkulieren, in der ersten Hälfte zufrieden zu sein und in der zweiten auszusteigen.
HUMANITY — Spielszene (Steam-Screenshot)
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