REVIEW · 2016-11-09

Sethian

Eine Kunstsprache, die das Lernen an ihr eigenes Tagebuch abgegeben hat

Steam-Seite ↗

Erster Eindruck

Auf der positiven Seite zielt fast jedes Wort auf den Moment des Verstehens. Das Einrasten sei exakt getroffen. Es rege zum Nachdenken an. Eine Rezensentin, die sich als Linguistikstudentin bezeichnet, empfiehlt es allen, die Sprache mögen — oder auch nur Rätsel. Eine Rezension besteht aus drei Zeilen: Stift holen, Heft holen, eintauchen.

Die negative Seite kommt immer wieder auf das Verfahren zurück. Linear. Ein festes Gleis. Ein Ratespiel um die exakte Formulierung. Kein Denken nötig. Das Tagebuch sagt alles, also wird es schnell langweilig. Leblos, schreibt einer.

Ungewöhnlich ist, dass diese beiden Wortschätze nicht auf zwei Lager verteilt sind. Von den zehn hilfreichsten positiven Rezensionen, die ich gelesen habe, bringt fast die Hälfte in ihrer zweiten Hälfte genau den Vorwurf der Gegenseite — das Tagebuch führe viel zu stark an der Hand — und empfiehlt dann trotzdem.

Es ist also kein Spiel, über das die Rezensenten uneins sind. Sie beschreiben es fast deckungsgleich und gehen erst beim Urteil auseinander. Genau das lohnt die Lektüre.

Screenshot von Sethian: Bild 1 wie auf der Steam-Seite gelistetSethian im Spiel — Bild 1 wie auf der Steam-Seite gelistet (Steam-Shop-Screenshot)

Die Mechanik in Worte fassen

Die Steam-Seite beschreibt Sethianisch nicht als Eins-zu-eins-Ersetzung des Englischen, sondern als Sprache mit eigener Grammatik und eigenem Wortschatz, mit Anleihen beim Chinesischen und bei der amerikanischen Gebärdensprache. Die positiven Rezensionen bestätigen das: Gefeiert wird Grammatik, nicht Vokabular. Der Lieblingsmoment einer Rezensentin ist das Erkennen einer Genitivpartikel.

Dennoch hat das Spiel genau ein Verb: einen Satz in ein Terminal tippen. In Puzzlebyrinths Vokabular ist das die Subtraktion von Verben bis an ihre Grenze. Chants of Sennaar behält mehrere — schauen, notieren, abgleichen. Sethian behielt nur die Eingabe.

Subtraktion hat einen Preis. Ein Verb führt meist zu einer einzigen Art von Antwort. Das Terminal antwortet auf den Satz oder sagt, es verstehe nicht. Der Vorwurf der negativen Seite — nur die vorgesehene Formulierung geht durch, alles andere liefert dieselbe Zeile — beschreibt genau diese Binarität.

Hier klaffen kombinatorische Explosion und Beobachtungsauflösung auseinander. Der Raum möglicher Sätze ist groß. Die Rückmeldung auf einen falschen Satz ist eine Zeile, die nie sagt, welcher Teil falsch war. Die Suche ist weit, und nichts engt sie ein. Von einem Rateespiel zu sprechen, ist kein Schimpfwort, sondern zutreffend.

Screenshot von Sethian: Bild 2 wie auf der Steam-Seite gelistetSethian im Spiel — Bild 2 wie auf der Steam-Seite gelistet (Steam-Shop-Screenshot)

Wo das Lehren stattfindet

Die Steam-Seite formuliert es so: Das handschriftliche Tagebuch und das Wörterbuch unterstützen die Untersuchung und führen behutsam in diese fremdartige Sprache ein. In der Rahmung des Entwicklers ist das Tagebuch eine Hilfe.

Der Rezensionspool liest es anders. Das Tagebuch führt viel zu stark an der Hand. Das Tagebuch ist faktisch eine Komplettlösung. Die Figur diktiert den exakt zu tippenden Satz. Dieselbe Aussage steht auf beiden Seiten: Eine positive Rezension nennt den Anfang befriedigend und unterhaltsam und dann den Rest frustrierend linear.

Als Designkritik: Mit dem Lehren ging auch das Lösen an das Tagebuch über. Die Lernkurve verläuft nicht mehr im Kopf der Spielerin, sondern entlang der Seitenzahlen. Wenn ein Umblättern den nächsten Satz liefert, besteigt man keine Kurve, sondern ein Inhaltsverzeichnis.

Deshalb ist „Stift holen, Heft holen" als Beleg zu lesen. Der Verfasser hat elf Stunden auf der Uhr und hat sich am Tagebuch vorbei eigene Tabellen gebaut. Das dokumentiert nicht, dass das Spiel diese Arbeit verlangt hat, sondern dass jemand sie tat, weil es sie nicht verlangte. 7 Days to End with You reicht ein Glossar mit leeren Feldern und lässt die Deutung bei der Spielerin. Sethian hatte die Felder schon ausgefüllt.

Screenshot von Sethian: Bild 3 wie auf der Steam-Seite gelistetSethian im Spiel — Bild 3 wie auf der Steam-Seite gelistet (Steam-Shop-Screenshot)

Ort in der Ahnenreihe

2016 war dieses Regal fast leer. Heaven's Vault kam 2019, 7 Days to End with You 2022, Chants of Sennaar 2023. Ein kommerzielles Spiel, dessen Gegenstand das Entziffern einer erfundenen Sprache ist, hatte damals kaum Vergleichspunkte.

Sortiert man nach Aktualität, wird dieses Jahrzehnt sichtbar. Neuere negative Rezensionen nennen fast immer einen Nachfolger: Spielt lieber Chants of Sennaar oder Heaven's Vault. Selbst die positiven schränken inzwischen ein — kürzer und leichter als Chants of Sennaar, aber lohnend.

Dieselbe Schwäche wurde früher verziehen, weil es nichts anderes gab. Bei vollem Regal kostet sie schlicht Punkte. Nicht das Spiel wurde schlechter, der Bewertungsbogen wurde ausgetauscht. Ein Fünf-Dollar-Titel, entstanden in nahezu Ein-Personen-Größe, verliert auf demselben Bogen gegen spätere Studioarbeit.

Die Reihenfolge zu achten heißt aber nicht, auf Abzüge zu verzichten. Zuerst dagewesen zu sein ist kein Argument. Was Sethian zuerst gezeigt hat, ist dies: Eine ernsthaft gebaute Kunstsprache kann ein kommerzielles Rätselspiel tragen — und spätere Titel haben das aufgegriffen und weitergeführt.

Screenshot von Sethian: Bild 4 wie auf der Steam-Seite gelistetSethian im Spiel — Bild 4 wie auf der Steam-Seite gelistet (Steam-Shop-Screenshot)

Herangezogene Rezensionen

Dieser Artikel entstand aus den Nutzerrezensionen der Steam-Seite, Stand 2026-09-24.

・Steam: Sethian (113 von 170 Rezensionen positiv, alle Sprachen = 66 %, Label „Mixed")

・Gelesen: die 10 hilfreichsten positiven und die 10 hilfreichsten negativen Rezensionen sowie die 8 neuesten (28 insgesamt)

・Der Shop-Text (offizielle Beschreibung des Entwicklers) und der Beitrag von Warpdoor (2016-11-14)

・Die Bilder verwenden unverändert die URLs aus Steams appdetails-API. Diese Sitzung konnte die Bilddateien selbst nicht öffnen; die Bildunterschriften nennen daher nur die Position auf der Steam-Seite, nie den Bildinhalt.

Fazit

Ich gebe 6,5. Zwei Pluspunkte: Die Sprache ist aus Grammatik gebaut und nicht aus Buchstabentausch, und diese Grammatik ist fein genug, dass Rezensenten den Moment aufschreiben, in dem sie eine Partikel erkannten. Zwei Minuspunkte: Mit dem Lehren ging auch das Lösen an das Tagebuch über, und das binäre Urteil des Terminals sagt nie, warum ein Satz scheitert.

Steam steht bei 66 % und „Mixed", doch nach meiner Lektüre sind sich die Rezensenten über das Spiel im Kern einig. Fast alle beschreiben dieselbe Schwäche. Uneins sind sie nur darüber, ob es fünf Dollar noch wert ist. Diese 66 % wirken weniger wie ein Streit als wie eine Streuung von Preisurteilen über ein gemeinsames Ergebnis.

Es passt zu Leuten, die wegen der Kunstsprache selbst kommen, und zu solchen, die nach Chants of Sennaar oder Heaven's Vault sehen wollen, was am Anfang dieser Linie stand. Die angegebenen Spielzeiten häufen sich zwischen einer und vier Stunden, der Median liegt bei rund zwei.

Es passt nicht zu Leuten, die die Textur des Entzifferns suchen. Hier entziffert das Tagebuch, nicht Sie.

Screenshot von Sethian: Bild 5 wie auf der Steam-Seite gelistetSethian im Spiel — Bild 5 wie auf der Steam-Seite gelistet (Steam-Shop-Screenshot)

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