SOUNDTRACK · 2026-06-20

Der Soundtrack von Braid, Anniversary Edition — nur Klänge wählen, die der Umkehrung standhalten

Jami Sieber, Shira Kammen, Cheryl Ann Fulton (Remix: Martin Stig Andersen)

Einleitung — ein Fluss ohne Puls

Der erste Klang im Titelbildschirm ist ein Cello. Bevor Tim einen Schritt macht, beschreibt eine tiefe, klare Saite langsam einen Bogen. Ich versuchte gewohnheitsgemaess, den BPM zu finden, aber die Nadel schwang nicht gleichmaessig. Es gibt einen Puls um 60, doch das Tempo ist durchgehend Rubato, nicht an ein Metrum gebunden. Cello, Harfe, Geige — lebende Streicher dominieren, Schlagzeug ist kaum zu hoeren. Eine Musik mit weichen Konturen, wie ein Fluss.

Diese Klaenge wurden fuer das Zeitruecklauf-Puzzle-Plattformspiel bereitet, das Komugis Kritik behandelt. Aber es wurde nicht "komponiert". Jonathan Blow benannte keinen Hauskomponisten; er waehlte bereits vorhandene Stuecke von Jami Sieber, Shira Kammen und Cheryl Ann Fulton von Magnatune, lizensierte sie und stellte sie nebeneinander. Rund 8 Stuecke, in anderen Kontexten entstanden, als Hintergrund fuer ein Puzzle neu platziert.

Das Auswahlkriterium — auch rueckwaerts schoen

Das ist das Interessanteste an der Musik von Braid. Blow wahlte Stuecke nach der Kernmechanik des Spiels — dem Zeitruecklauf. Was er in seiner GDC-2010-Vorlesung und damaligen Interviews beschreibt, laeuft darauf hinaus: "Klaenge, die rueckwaerts gespielt immer noch interessant klingen." Beim Zurueckspulen kann die Textur der Instrumente rueckwaerts fliessen, ohne zu zerfallen, und zeigt sogar einen anderen Ausdruck. Die eigentumliche Verwaschung von Jami Siebers Cello oder Kammens Streicher, gefiltert rueckwaerts, war schon in der Auswahlphase beabsichtigt.

Haette man Schlagzeug mit scharfem Anschlag oder Synthesizer-Sequenzen gelegt, waere der Ruecklauf nur ein "Bandvorlauf-Geraeusch". Streicher und Harfen mit langsamen Abklingen dehnen beim Umkehren ihren Einsatz und bringen den Nachhall nach vorne. Dass Blow eine pulslose, gehaltene Musik wahlte, ist zugleich Aesthetik und funktionales Design. Jedes Mal, wenn der Spieler die Zeit manipuliert, laeuft auch die Musik als umkehrbares Material mit zurueck. Mechanik und Klangfarbe geben sich die Hand nicht auf Ebene des Schnitts, sondern auf Ebene der Auswahl.

Anniversary Edition — der Schatten von LIMBO

2024 wurde der Klang in der Anniversary Edition neu gestaltet. Remix und Remaster ubernahmen Martin Stig Andersen und Hans Christian Koch. Wenn Ihnen Andersens Name vertraut ist: Er ist der Komponist mit akusmatischem Hintergrund, den ich in meiner LIMBO-Folge seziert habe. Er schuf auch die Wasser- und Metallklaenge von INSIDE. Fuer Braid schrieb er von Grund auf 7 elektroakustische Remixe.

Andersens Version bewahrt die Waerme der Original-Streicher und fugt fuer die angespannten Level der zweiten Haelfte eine dunkle, koernige Textur ein. Als haette sich ein anderes Mineral in dem ruhigen Fluss abgesetzt. Das Interessante: Der Ausgangspunkt von Braid — "Klaenge, die rueckwaerts schoen sind" — und Andersens Aesthetik — Klang verzerren, Herkunft ausoeschen — lagen von Anfang an nebeneinander. Reversibilitaet und Anonymitaet kommen vom selben Ort. Dass Original und Remix auf derselben Scheibe coexistieren, macht Braids Musik zu einer Doppelschicht aus "gewaehlter Musik" und "geschriebenem Klang".

Analogie — die Loesung pendelt in der Zeit

Braids Puzzle loesen sich nicht durch blosses Voranschreiten. Schluessel nehmen, zur Tuer bringen, bei Fehler zurueckspulen, mit dem Schatten synchronisieren, weitergehen. Das Denken ist keine Einbahnstrasse, sondern eine Hin-und-her-Bewegung auf der Zeitachse. Haette man hier einen betonten Viervierteltakt gelegt, wuerde dieses Hin-und-her wie "Verzoegerung" klingen. Ganz gleich ob man anhalt oder vorangeht, zurueckspult oder fortschreitet — die Musik muss den Spieler mit demselben Ausdruck empfangen.

Deshalb ist eine pulslose, gehaltene Musik mit unsichtbaren Loop-Naehten die richtige Antwort. Nach meiner Einschaetzung ist Braids Musik kein "Uhrwerk", sondern ein "Wasserspiegel". Egal wie lange man nachdenkt, der Wasserspiegel steigt und faellt ruhig, ohne zu draengen. Nur im Moment des Zurueckspulens hoert man das Wasser zurueckfliessen, und das Bewusstsein, die Zeit zu manipulieren, kehrt leise zurueck. Das ist die entgegengesetzte Loesung zu Stephen's Sausage Roll, das lange Denk-Pausen mit Stille besetzt — nicht Stille, sondern umkehrbarer Dauerton als Traeger langer Reflexion.

Empfehlenswerte Tracks

Die offizielle Zusammenstellung "Music from Braid" ist auf YouTube verfuegbar. Tauchen Sie zunaechst von Anfang bis Ende in den Fluss ein.

Besonders empfehlenswert: "Maenam" und "Undercurrent" von Jami Sieber. Ersteres ist ein von Thaifluessen und Elefanten inspiriertes Cellowerk, dessen langsame Bogenbewegungen sich merkwuerdig gut mit dem Zurueckspulen vertragen. Letzteres existiert auch in einer von Jon Schatz mit Blick auf Zeitreisen erstellten Remix-Fassung. Das gesamte Album ist ueber die offizielle Playlist Music from Braid ↗ zuganglich.

Abschluss — was ich mir borgen wuerde

Was ich von Braids Musik borge, ist der Gedanke, Reversibilitaet nicht als "nachtraeglichen Effekt", sondern als "Einschraenkung vor der Erstellung" zu verstehen. Nachtraeglich Klaenge zu schaffen, die rueckwaerts nicht zerfallen, ist schwierig. Aber wenn man von vornherein die drei Bedingungen in den Entwurf einschreibt — Klangfarbe mit langsamem Abklingen, pulslose Struktur, Loop ohne sichtbare Nahtstelle — widersteht die Musik ganz natuerlich einem Spiel mit vielen Versuchen und Undo (Rueckgaengig). Was Blow tat, war nicht komponieren, sondern vorhandene Stuecke nach diesen Kriterien auswaehlen — wenn die Kriterien stimmen, ist Auswaehlen auch Komponieren.

Zum Wiederhoeren: an einem Abend, an dem man einen Arbeitsschritt zuruecknehmen moechte. Andersens Remix-Fassung mit Siebers Original abwechselnd zu hoeren laesst denselben Fluss in Tages- und Nachtfarben erscheinen. Weiter geht es mit der LIMBO-Folge, in der ich ebenfalls Andersen seziert habe. Umkehrbarer Klang und anonymisierter Klang muenden irgendwo in dieselbe Wasserader.

Quellenangaben

Offizielle Website von Martin Stig Andersen: Braid, Anniversary Edition

Magnatune: Music from Braid (Sieber, Kammen and Fulton) — offizielles Album

YouTube: Music from Braid (automatisch generiertes Album)

GameSpot: Spot On — The music of Braid (Auswahlintention und Umkehrung)

PC Gamer: Braid, Anniversary Edition und 15 Stunden Entwicklerkommentar

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