REVIEW · 2019-10-17

Felix The Reaper

Ein Sensenmann, der nur im Schatten gehen kann — 468 Rezensionen, einig in der Optik, gespalten im Kern

Steam-Seite ↗

Erster Eindruck

Die erste Überraschung beim Lesen von 468 Steam-Rezensionen war, wie einig sich beide Seiten trotz der Kontroverse in der Beschreibung des Spiels sind. Schön. Eigenständig. Ein Sensenmann, der nicht aufhört zu tanzen. Erzählt von Patrick Stewart. Weder auf der positiven noch auf der negativen Seite findet sich eine Rezension, die dem widerspricht.

Die Spaltung beginnt erst im nächsten Satz. Die positive Seite schreibt: Unter dieser Optik steckt ein richtiges Puzzlespiel. Die negative Seite schreibt: Unter dieser Optik steckt fast nichts. Die schärfste Formulierung stammt aus einer negativen Rezension: style over substance — der Vorwurf, dass die Optik den Inhalt übertrumpft.

Insgesamt sind es 468 Rezensionen in allen Sprachen, davon 340 positiv, also 73 %, mit dem Label „Größtenteils positiv“ (Stand 06.09.2026). Der Metacritic-Wert auf der Steam-Store-Seite liegt bei 71. Auch zahlenmäßig sitzt das Spiel genau dort, wo ein gespaltenes Spiel sitzt.

Doch die bloße Tatsache der Spaltung ergibt für sich genommen nichts. Wonach ich gesucht habe, sind die Stellen, an denen beide Seiten dasselbe Element unterschiedlich benennen. Vorweg das Ergebnis: Der Streitpunkt läuft fast vollständig auf eine einzige Frage hinaus — wo dieses Spiel seine „Strenge“ platziert hat.

Screenshot von Felix The Reaper: das erste auf der Steam-Store-Seite gezeigte BildFelix The Reaper im Spiel — das erste auf der Steam-Store-Seite gezeigte Bild (Steam-Screenshot)

Die Welt

Die Wörter, die die positive Seite zuerst nennt, betreffen fast ausnahmslos die Optik: art style, animation, macabre, oddly charming. Manche empfehlen das Spiel allein wegen des unaufhörlich tanzenden Sensenmanns. Viele loben die Kombination aus der Qualität der Animation und dem schwarzen Humor im Umgang mit dem Tod.

Interessant ist, dass auch die negative Seite das anerkennt. Der Spott, neunzig Prozent des Budgets seien wohl an die Grafikdesigner gegangen, sagt umgekehrt nur, dass die Optik makellos ist. In Sachen Bild und Ton sind sich fast alle 468 Rezensionen einig.

In Designbegriffe übersetzt heißt das: Dieses Spiel hat den ersten Eindruck der Spielerin vollständig im Griff. Doch damit hebt es zugleich selbst die Erwartungslatte an. In dem Moment, in dem die Optik „durchdacht“ signalisiert, erwartet man dieselbe Dichte auch vom Spielbrett. Die Größe der Enttäuschung in den negativen Rezensionen kommt aus genau diesem Gefälle.

Screenshot von Felix The Reaper: das zweite auf der Steam-Store-Seite gezeigte BildFelix The Reaper im Spiel — das zweite auf der Steam-Store-Seite gezeigte Bild (Steam-Screenshot)

Die Mechanik in Worte fassen

Die Liste der Verben ist erstaunlich kurz. Felix kann nur über Schatten gehen. Man schaltet die Sonne zwischen zwei Positionen um und formt so die Schatten neu. Man schiebt oder zieht Gegenstände. Mehr ist es im Kern nicht — und die Beschreibung im Store selbst nennt Sokoban, Monument Valley und Hitman GO als sein Grundgerüst.

Was die positive Seite als „einfach, aber macht den Kopf arbeiten“ bezeichnet, bezieht sich auf genau diese geringe Zahl an Verben. In der Sprache von Puzzlebyrinth ist das eine konsequente Subtraktion der Verben. Wie Closure verwandelt es Licht und Schatten nicht in Dekoration, sondern unmittelbar in Begehbarkeit selbst. Schatten ist hier kein Bild, sondern Boden.

Auch die Klage der negativen Seite, es laufe letztlich nur darauf hinaus, eine Kiste von A nach B zu schieben, zielt in Wahrheit auf dieselbe Struktur. Auf die Tatsache, dass es nur zwei Verben gibt, klebt die positive Seite das Etikett „klar und konsequent“, die negative Seite „oberflächlich“. Man sieht dasselbe — nur der Name unterscheidet sich.

Den Wendepunkt sehe ich darin, dass die Sonne nur zwei Positionen kennt. Dadurch entsteht keine kombinatorische Explosion, aber der Suchraum bleibt klein, und die Lösung ist fast immer festgelegt. Der wiederkehrende Vorwurf der negativen Seite, die Lösung sei ein einziger vorgezeichneter Weg, ist die Kehrseite dieser Designentscheidung. Konsequent zu Ende geführt, streicht die Subtraktion irgendwann auch den Spielraum der Wahl selbst.

Screenshot von Felix The Reaper: das dritte auf der Steam-Store-Seite gezeigte BildFelix The Reaper im Spiel — das dritte auf der Steam-Store-Seite gezeigte Bild (Steam-Screenshot)

Das Gefühl der Steuerung

Die Beschwerde, die auf der negativen Seite am häufigsten wiederkehrt, betrifft gar nicht den Inhalt der Rätsel, sondern die Steuerung: ein zu enger Klickbereich, eine Kamera, die sich nicht so dreht wie beabsichtigt, eine insgesamt hakelige Maussteuerung. Diese drei Punkte tauchen in Rezensionen aus ganz unterschiedlichen Jahren in derselben Form auf.

Entscheidend ist, dass auch die Empfehlenden genau das schreiben. Eine der jüngeren Rezensionen zählt ausführlich die Beschwerden über Steuerung und Kamera auf, um dann trotzdem mit den Worten zu schließen, darunter stecke ein wirklich unterhaltsames Puzzlespiel, und spricht eine Empfehlung aus. Der Inhalt der Klagen stimmt überein — gespalten ist allein das Maß an Geduld.

In Designbegriffen ist das ein Problem der Beobachtungsauflösung. Wenn man das isometrische Spielfeld durch eine wandernde Sonne und eine drehende Kamera hindurch lesen muss, hängt das Verstehen des Spielfelds selbst von der Bedienung ab. Während Monument Valley den Perspektiventrick zum Schauwert machte, fällt die Perspektive hier auf die Seite der Mühsal.

Wenn man nicht weiterkommt: Zweifelt man an der eigenen Lesart oder an der eigenen Bedienung? Lässt sich das nicht auseinanderhalten, wird aus Schwierigkeit kein Lernen. Ein Großteil des Ärgers auf der negativen Seite entspringt meines Erachtens genau dieser Unmöglichkeit, die beiden zu trennen.

Screenshot von Felix The Reaper: das vierte auf der Steam-Store-Seite gezeigte BildFelix The Reaper im Spiel — das vierte auf der Steam-Store-Seite gezeigte Bild (Steam-Screenshot)

Die Beschaffenheit der Schwierigkeit

Die Aussagen zur Schwierigkeit lassen sich beim Lesen in drei Gruppen sortieren: (a) einfach hart, man kommt nicht weiter, (b) nicht hart, aber mühsam, (c) durch die Bewertung künstlich schwer gemacht. Auch auf der positiven Seite schreiben manche, ihr Hirn sei vor lauter Schwierigkeit geschmolzen, und empfehlen das Spiel trotzdem — (a) reicht also über beide Seiten hinweg.

Ungewöhnlich ist Punkt (c). Die Wertung richtet sich nach Zugzahl und Zeit, und daran hängen auch die Errungenschaften. Eine negative Rezension tut das als flachen Kunstgriff ab, der nachträglich Wiederspielwert erzeugen sollte. Ein Design, das eigentlich zum Ausprobieren einladen will, und eine Bewertung, die die kürzeste Zugfolge verlangt, ziehen auf demselben Bildschirm in entgegengesetzte Richtungen.

Schwierigkeit in Puzzlespielen hat unterschiedliche Qualitäten. Die Schwierigkeit, eine Situation zu entziffern, die Schwierigkeit, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, und die Schwierigkeit, einem Bewertungssystem zu genügen — das sind drei verschiedene Dinge. In diesem Spiel konzentriert sich der Unmut auf die dritte. Schwierigkeit zu gestalten heißt meines Erachtens, zu entscheiden, woran eine feststeckende Spielerin zuerst zweifelt.

Manche Rezensionen erwähnen auch die Abschlussquote: Bei einer Spielzeit von rund vier Stunden erreiche nur ein kleiner Teil der Spieler das Ende. Da die Zahl aus Steams Errungenschaftsstatistik stammt, sollte man sie nicht für bare Münze nehmen, doch der Eindruck, dass viele auf halbem Weg aussteigen, widerspricht auch den Aussagen der positiven Seite nicht. Die in Rezensionen genannten Durchspielzeiten streuen im Wesentlichen zwischen vier und acht Stunden.

Screenshot von Felix The Reaper: das fünfte auf der Steam-Store-Seite gezeigte BildFelix The Reaper im Spiel — das fünfte auf der Steam-Store-Seite gezeigte Bild (Steam-Screenshot)

Herangezogene Rezensionen

Dieser Artikel wurde auf Grundlage der Nutzerrezensionen der Steam-Store-Seite mit Stand 06.09.2026 verfasst. Rezensionstexte werden nicht wörtlich zitiert; typische Aussagen wurden stattdessen rekonstruiert.

Steam: Felix The Reaper(Größtenteils positiv / Mostly Positive, 340 von 468 Rezensionen positiv, 73 %)

・Per WebFetch gelesen: die zehn hilfreichsten positiven Rezensionen, die neun hilfreichsten negativen Rezensionen und die sechs aktuellsten Rezensionen

・Angaben zum Spiel (Entwicklung Kong Orange / Verlag Daedalic Entertainment / veröffentlicht am 17.10.2019 / Metacritic 71) stammen aus den öffentlichen Daten der Steam-Store-Seite

Fazit

Aus Designsicht vergebe ich 6,5 Punkte. Das liegt nahe an Steams 73 %, doch der Weg dorthin ist ein anderer. Ich ziehe Punkte nicht ab, weil die Rätsel flach wären, sondern weil die Strenge am falschen Ort platziert wurde.

Die Store-Beschreibung nennt das Spiel selbst „challenging and strict“. Diese Aussage stimmt. Nur richtet sich das strict nicht ans Denken, sondern an Bedienung und Bewertung. Die zentrale Erfindung — Schatten in Boden zu verwandeln — ist gut, und auch die Subtraktion der Verben ist stimmig. Schade ist nur, dass die Strenge über dieses Grundgerüst hinaus nach außen sickert.

Wer zu diesem Spiel passt, ist damit klar umrissen: wer sich von Optik und Erzählung anziehen lässt und es als vier- bis achtstündiges kleines Werk annehmen kann. Wer dagegen ein Spielfeld erwartet, das sich ruhig lesen lässt, wie es Lara Croft GO erlaubt, stolpert vermutlich zuerst über die Steuerung. Und wer allein das Gehen auf Schatten für ausreichend Grund hält, den betrifft das untere Viertel dieser 73 % nicht.

Screenshot von Felix The Reaper: das sechste auf der Steam-Store-Seite gezeigte BildFelix The Reaper im Spiel — das sechste auf der Steam-Store-Seite gezeigte Bild (Steam-Screenshot)

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