SOUNDTRACK · 2026-07-20
Soundtrack: Taiji — die Entscheidung, weiterzuklingen, innerhalb einer Abstammungslinie der Stille
Grzegorz Bednorz & Matthew VanDevander
Einleitung — der erste gehaltene Ton über den Wolken
Man blickt hinab auf Inseln, die über den Wolken schweben, und durchstreift ein Rätselfeld, das man schwarz und weiß bemalen muss. In diesem Grid-Logik-Rätsel, das Komugis Kritik besprochen hat, erreicht als Erstes ein weichkantiger, gehaltener Ton das Ohr. Kein Instrument markiert den Takt. Das Tempo ist grob zu langsam, um es zu zählen, und Pads pulsieren langsam, wie ein Atem. Sowohl die Schrittweite als auch die Augenbewegung bei der Suche nach Regeln beruhigen sich im Rhythmus dieses Atems.
Die Musik schrieb der Entwickler selbst, Matthew VanDevander. Er baute Taiji als Solo-Entwickler — Grafik, Design, Rätsel und dieser Klang stammen alle aus demselben Kopf. Aus Budget- und Zeitgründen sind, wie er sagt, die meisten hörbaren Instrumente Software-Synthesizer (VSTs). Statt der Textur echter Instrumente überzieht eine glatte Oberfläche synthetisierten Klangs die Welt — und das ist das Erste, was im Ohr bleibt.
Die Insel, die nicht die Stille wählte — der Abzweigungspunkt von The Witness
Der Eigenname, der in Rezensionen zu Taiji am häufigsten auftaucht, ist The Witness. Eine wortlose Insel, auf der man Felder bemalt und unausgesprochene Regeln allein durch Beobachtung ableitet — die Struktur ist sehr ähnlich. Doch das Klangdesign verzweigt sich in die entgegengesetzte Richtung. The Witness trägt kaum Musik und setzt auf Schritte, Wind, Vogelgesang. Taiji wählte den Weg, eine nie verschwindende Ambient-Klangfläche durchgehend anzulegen.
Das interessiert mich hier. Beide Spiele lassen einen ohne Worte denken, aber das eine öffnet Denkraum durch Stille, das andere öffnet ihn, während es die Luft mit Klang füllt. Taijis Musik wurde als unendlich sich entwickelnde Ambient-Klanglandschaft konzipiert, die sich verändert, während der Spieler erkundet. Statt die Nähte einer Schleife zu verstecken, wurde sie von Anfang an als ein Fluss ohne Ende geschrieben. Deshalb kann sie durchgehend spielen, ohne sich je in den Vordergrund der Aufmerksamkeit zu drängen.
Grzegorz Bednorz, der die Musik komponierte, hat einen langen Video-Essay veröffentlicht, der anhand von Taiji und mehreren anderen Titeln erörtert, wie Musik das Game Design spiegelt. Ob man Klang anlegt oder Stille bewahrt, sei keine Geschmacksfrage, sondern die Kehrseite dessen, worüber ein Spiel einen nachdenken lassen will — eine Sichtweise, die sich gut mit meiner Gewohnheit deckt, beim Hören Design zu lesen.
Eine gespiegelte Struktur — einen unendlichen Fluss in ein endliches Album falten
Taijis Album erschien im Dezember 2022, etwa drei Monate nach dem Spiel selbst. Die Arbeit leistete Bednorz, der die im Spiel endlos fließende dynamische Musik erstmals zu Titeln mit einem Ende verwob. Das klingt bescheiden, ist aber schwere Arbeit. Um generativ spielenden Klang zu einem einzelnen Stück mit Kopf und Schwanz zuzuschneiden, muss man entscheiden, wo man beginnt und wo man schließt. Wenn man das Unendliche ins Endliche faltet, zeigt sich der ästhetische Sinn eines Komponisten am nacktesten.
Blickt man auf die Titelliste, stehen die Gebietsnamen der Insel unverändert da — Gate, Shrine, Mill, Gardens, Mine, Ruins. Doch weiter hinten tauchen unbekannte Titel auf: Enirhs, Llim, Snedrag, Enim. Bei genauerem Hinsehen sind das Shrine, Mill, Gardens und Mine, rückwärts geschrieben. Das Album schließt schließlich mit Black, White, Chaos, Order. Die Wurzel dieses Rätsels — Weiß und Schwarz bemalen, Chaos und Ordnung — spiegelt sich direkt in der Reihenfolge des Albums. Die umgekehrten Titel sind ein leises Analogon zur Erfahrung, das Spielfeld im Kopf umzudrehen.
Für solche Kunstgriffe bin ich verloren. Über den Klang selbst hinaus erzählen sie die Mechaniken des Spiels über eine „äußere" Schicht — Titelreihenfolge, Benennung. Das wirkt nur bei jemandem, der gespielt hat, aber wenn es wirkt, ist die Tiefe eine andere.
Löse-Tempo und musikalische Struktur — ein Beat mit abgeschliffenen Kanten
Taiji spielt sich als Beobachtungsrätsel, bei dem einem keine Antwort von außen gereicht wird. Man bleibt vor einem Feld stehen, vergleicht es mit dem daneben, wälzt Hypothesen über die Regeln im Kopf. Die Zugzahl ist nicht hoch. Eher ist die Zeit, in der der Blick stillsteht, länger. Legte man darüber ein Stück mit starkem Beat, würde der Puls das Denken hetzen — schlechte Passung.
Die Musik ist also ein Beat mit abgeschliffenen Kanten — oder eher ein Sustain ohne Beat, das die Führung dem Tempo des Denkens übergibt. Grob gefühlt gibt es nur ein einziges Schwingen, langsamer als ein Herzschlag. Ich habe die Gewohnheit, Musik immer in BPM zu messen, aber auf dieser Insel finde ich nichts zu zählen. Und das ist gut so. Ein Klang, den man nicht zählen kann, respektiert die innere Uhr des Spielers.
Stille (The Witness) maximiert den Denkraum, aber langes Nachdenken kann auch einsam werden. Taijis gehaltener Ton wärmt diese Einsamkeit leicht an, ohne je das Tempo zu stehlen. Zwischen Stille und Begleitung gibt es diesen bequemen Platz.
Hörenswerte Titel — die Namen der Insel, und ihre Umkehrung
Das offizielle Audiomaterial — das ganze Album und jeder einzelne Titel — liegt auf dem Kanal des Komponisten Grzegorz Bednorz. Am besten badet man erst einmal am Stück darin. Es funktioniert auch als Hintergrundmusik, aber wer beim Hören an die Spielfelder zurückdenkt, bemerkt den Kunstgriff in den Titeln.
Wer einzelne Titel wählen will, sollte das dunkle Gewicht der Mine in Taiji OST - 06 - Mine ↗, das gezeichnete Kreuzen von Gedanken in Taiji OST - 13 - Mixed Ideas ↗ und schließlich Taiji OST - 19 - Snedrag ↗ hören, dessen Titel Gardens rückwärts ist. Legt man Vorder- und Rückseite nebeneinander, hört man mit den eigenen Ohren, was dieses Werk als seinen Spiegel benutzt.
Schlusswort — wenn ich stehlen dürfte, wäre es der Griff, der das Unendliche faltet
Würde ich für meine eigene Musik stehlen, wären es zwei Dinge. Das eine ist die Reihenfolge: „erst als nie endenden Fluss schreiben, dann später ins Endliche falten". Statt von Anfang an ein dreiminütiges Stück zu bauen, erst ein nahtloses Bett spielen lassen und dann nur die Momente heraustrennen, die man hören lassen will, mit Kopf und Schwanz versehen. Kristalle aus generativem Material zu schöpfen, nutzt einen anderen Muskel als das Bauen einer Schleife.
Das andere ist, Mechaniken über die Meta-Ebene von Titeln und Titelreihenfolge zu erzählen. Umgekehrte Schreibweisen und eine Reihenfolge wie Black/White/Chaos/Order erzählen die Welt des Werks, ohne eine einzige Note hinzuzufügen. Ganz am Ende der Produktion, wenn man die Titelliste festlegt, lehrt mich Taiji, dass ich gieriger sein dürfte.
Wer die Abstammungslinie der Stille vergleichen will, sollte im Anschluss The Witness hören, das seine Musik bewusst löschte, und den COCOON-Soundtrack, der ebenfalls Stille behandelt. Klang anlegen oder Stille bewahren — diesen einen Zug, Insel für Insel, zu unterscheiden, ist ein Vergnügen.
Referenzlinks
・Steam: Taiji Soundtrack, offizielles DLC
・Grzegorz Bednorz & Matthew VanDevander — Taiji (Original Game Soundtrack) auf Bandcamp
・Offizieller YouTube-Kanal: Grzegorz Bednorz
・Spotify: Taiji (Original Game Soundtrack)
・Grzegorz Bednorz' Video-Essay-Ankündigung: How Music Mirrors Game Design in Taiji and Other Games
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