REVIEW · 2022-05-12

The Centennial Case: A Shijima Story

Ein Spiel, drei verschiedene Wertungen

Steam-Seite ↗

Erster Eindruck

Beim Lesen der Steam-Rezensionen fällt zuerst auf, dass es nicht eine Wertung gibt, sondern mehrere. Über alle Sprachen hinweg sind 898 von 1.130 Rezensionen positiv — 79%, Label „Größtenteils positiv“.

Nimmt man nur die englischen Rezensionen, sind es 171 von 198, also 86%, Label „Sehr positiv“. Nur die japanischen: 94 von 137, also 69%, Label „Ausgeglichen“ (Stand 22.09.2026).

Gleiches Realfilmmaterial, gleiches Deduktionssystem, gleiches Ende. Die Zahlen gehen trotzdem auseinander. Ich lese das nicht als Urteil über das Spiel, sondern als Unterschied im Regal.

Auch die Fachpresse ist gespalten. Der Top-Critic-Schnitt auf OpenCritic liegt bei 73, genau 50% empfehlen das Spiel. Eine 8 und eine 2 stehen nebeneinander.

Screenshot von The Centennial Case: A Shijima StoryThe Centennial Case im Spiel — Bild 1 wie auf der Steam-Seite gelistet (Steam-Screenshot)

Die Mechanik in Worte fassen

Zählt man die Verben, lautet das Verb hier nicht „ermitteln“, sondern „anordnen“. Man sieht eine Realfilmszene, sammelt Hinweiswörter und setzt sie am Kapitelende in einen Hypothesensatz ein.

Die negative Seite kommt immer wieder genau darauf zurück. Sie nennt es Hinweise herumschieben, Musterabgleich statt Logik. Anders gesagt: Zwischen Aufheben und Ablegen steckt kein Denkschritt.

Entscheidend ist die binäre Prüfung. Ein gesetztes Wort meldet nur richtig oder falsch zurück. Je mehr Kandidaten, desto eher ist Durchprobieren der kürzeste Weg. Die Kombinatorik wächst, aber nichts grenzt die Suche ein.

Für die positive Seite ist das kein Problem. Sie nutzt die Hypothesentafel als Abgleich nach dem Film. Dieselbe Tafel wirkt auf die einen wie Fleißarbeit, auf die anderen wie eine Kapitelzusammenfassung.

Screenshot von The Centennial Case: A Shijima StoryThe Centennial Case im Spiel — Bild 2 wie auf der Steam-Seite gelistet (Steam-Screenshot)

Wie sich die Geschichte anfühlt

Das Vokabular der positiven Seite ist erstaunlich einheitlich: ein Spiel, wie es alle zehn oder zwanzig Jahre eines gibt, ein Krimi, den es so kaum gibt, eine Produktion anderer Größenordnung. Gelobt wird weniger die Geschichte als die schiere Menge an Filmmaterial.

Sie reagieren auf den Aufwand — eine Hauptdarstellerin, die ein Jahrhundert an getrennten Rollen trägt. Jon Bailes hält in der Washington Post ebenfalls fest, dass Drehbuch und Schauspiel deutlich über dem Schnitt des Genres liegen.

Auch die negative Seite lobt die erste Hälfte. Der Bruch kommt spät. Wendungen kommen lawinenartig; das Spiel bricht selbst aufgestellte Regeln. Im japanischen Pool ist der meistgewählte Vorwurf, dass eine laut ausgesprochene Prämisse im Schlusskapitel gekippt wird.

Der Einwand lautet also nicht „die Geschichte ist langweilig“, sondern „die Geschichte hat eine bereits veröffentlichte Regel überschrieben“. Die Kriminalliteratur nennt das Fair Play. Das Rätseldesign nennt es Eindeutigkeit der Lösung. Zwei Kulturen, zwei Namen, eine Bedingung.

Screenshot von The Centennial Case: A Shijima StoryThe Centennial Case im Spiel — Bild 3 wie auf der Steam-Seite gelistet (Steam-Screenshot)

Die Textur der Schwierigkeit

Bei der Schwierigkeit ist der Rezensionspool ungewöhnlich eindeutig: schwer ist es nicht. Beide Sprachpools bringen eine Variante von „das ist kein Rätsel, das ist nur ein Puzzle“. Meldungen über Feststecken fehlen fast völlig.

Trotzdem tauchen „mühsam“ und „Pflichtübung“ immer wieder auf. Das ist Ermüdung ohne Schwierigkeit. Die Kosten liegen nicht in der Suche, sondern in der Handhabung: Übergänge, Menüwege, Ladezeiten.

Die notierten Stunden lohnen einen Blick. Viele negative Rezensionen liegen zwischen etwa dreizehn und über dreißig Stunden. Das sind keine Frühabbrecher. Sie haben alles gesehen und sind am Ende ausgestiegen.

Wenn ein Spiel polarisiert, ohne dass Schwierigkeit das Thema ist, liegt die Bruchlinie meist außerhalb davon. Hier liegt sie in den Regeln des Schlusskapitels und in der Zahl der Handgriffe an der Tafel.

Screenshot von The Centennial Case: A Shijima StoryThe Centennial Case im Spiel — Bild 4 wie auf der Steam-Seite gelistet (Steam-Screenshot)

Platz in der Ahnenreihe

Zurück zu den drei Zahlen. Der englische Pool liegt bei 86%, der japanische bei 69%. Ich lese diese siebzehn Punkte als Unterschied im Vergleichsmaßstab.

Im englischsprachigen Regal stehen Her Story, Contradiction: Spot the Liar! und The Shapeshifting Detective. Realfilmspiele entstehen üblicherweise mit sehr wenig Geld. In diesem Regal wirkt die Produktion hier außergewöhnlich. Das „einmal in zehn Jahren“ stammt aus diesem Regal.

Das japanische Regal ist ein anderes. Dort steht die Bildsprache des zweistündigen TV-Krimis neben den Ermittlungsadventures in der Linie von Ace Attorney. Der Produktionsaufwand ist dort Voraussetzung statt Überraschung, und das Urteil verschiebt sich auf den Umgang mit den Regeln. Das harte Wort — als Krimi ein Betrug — fällt nur in diesem Regal.

Kein Regal liegt falsch. Dieselbe Tafel wird nur nach zwei Maßstäben benotet. Dass Return of the Obra Dinn und The Case of the Golden Idol zwischen den Regalen wandern können, liegt meines Erachtens daran, dass beide ihre Regeln bis zum Schluss nicht biegen.

Screenshot von The Centennial Case: A Shijima StoryThe Centennial Case im Spiel — Bild 5 wie auf der Steam-Seite gelistet (Steam-Screenshot)

Herangezogene Rezensionen

Dieser Text entstand durch das Lesen der Nutzerrezensionen auf der Steam-Seite mit Stand 22.09.2026. Es wird kein Rezensionstext wörtlich zitiert; typische Aussagen sind rekonstruiert.

Steam: The Centennial Case : A Shijima Story (898 von 1.130 Rezensionen positiv über alle Sprachen = 79%, „Größtenteils positiv“; englischer Pool 171 von 198 = 86%, „Sehr positiv“; japanischer Pool 94 von 137 = 69%, „Ausgeglichen“)

・Vollständig gelesen: die 10 hilfreichsten positiven Rezensionen, die 20 hilfreichsten negativen aus dem englischen und japanischen Pool sowie 8 aktuelle (38 insgesamt). Die Summenwerte stammen aus dem query_summary der Steam-Rezensions-API.

The Washington Post: The Centennial Case Test (Jon Bailes) / OpenCritic: Top-Critic-Schnitt 73 bei 45 Tests, 50% Empfehlungen

・Die Bilder sind die Store-Screenshot-URLs aus Steams appdetails-API, unverändert übernommen. Diese Umgebung konnte die Bildserver von Steam nicht erreichen; die Inhalte ließen sich nicht in Augenschein nehmen, daher benennen die Bildunterschriften nicht, was zu sehen ist.

Fazit

Aus Designsicht vergebe ich 7,2. Das liegt nahe an Steams 79%, aber aus anderen Gründen.

Zwei Abzüge. Erstens: Das Verb heißt „anordnen“, die Prüfung ist binär. Zweitens: Das Schlusskapitel überschreibt eine zuvor genannte Regel. Das eine ist ein Kostenproblem, das andere ein Vertrauensproblem.

Zwei Pluspunkte ebenso: der schiere Umfang des Filmmaterials und der Aufbau, der ein Jahrhundert in vier Fällen durchquert. Dass dasselbe Gesicht in verschiedenen Fällen als andere Person auftritt, funktioniert nur im Realfilm.

Vor dem Kauf zählt nicht die Wertung, sondern das Regal, in das Sie es stellen. Auf dem Regal der Realfilmspiele trifft es fast sicher. Auf dem Regal des fairen Kriminalromans führen Sie im Schlusskapitel eine Diskussion.

Screenshot von The Centennial Case: A Shijima StoryThe Centennial Case im Spiel — Bild 6 wie auf der Steam-Seite gelistet (Steam-Screenshot)

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